Beruf

Unbesetzte Ausbildungsstellen – ein rätselhafter Widerspruch im Fachkräftemangel

Ein dramatischer Gegensatz

Trotz eines klar diagnostizierten Fachkräftemangels bleiben deutschlandweit etwa ein Drittel der Ausbildungsplätze unbesetzt – ein scheinbarer Widerspruch, der das deutsche Berufsbildungssystem vor eine große Herausforderung stellt. So weist die Studie des IAB aus dem Jahr 2023 eine Rekordquote unbesetzter Stellen von rund 35 % aus, im Folgejahr 2024 zeigte sich lediglich eine leichte Entspannung auf etwa 33 %.

Die Duale Ausbildung, zentral für die Fachkräftesicherung, scheint genau dort zu versagen, wo sie am dringendsten gebraucht würde.

Fachkräftemangel trifft auf Bewerbermangel

In Deutschland besteht der Fachkräftemangel vor allem in Pflege, Bau, Handwerk, IT und dem Gesundheits- und Erziehungsbereich. Doch paradoxerweise sinkt die Anzahl geeigneter Bewerber für Ausbildungsstellen seit Jahren – wodurch sich in manchen Bereichen ein Arbeitgeber- zu einem Bewerbermarkt gewandelt hat.

Laut Zeit Online war bereits 2023 die Anzahl unbesetzter Plätze auf dem höchsten Stand seit Beginn der Datenerhebung, und die häufigste Ursache war der Mangel an qualifizierten Bewerbungen.

Zahlen & Branchen: Welche Regionen und Berufe sind betroffen?

Insgesamtentwicklung

  • 2023: ca. 35 % der Ausbildungsstellen unbesetzt
  • 2024: Rückgang auf etwa 33 %, aber weiterhin hohes Niveau
  • 69.400 unbesetzte Stellen laut Berufsbildungsbericht 2025

Regionale und betriebliche Unterschiede

  • Kleinstbetriebe: 57 % der Ausbildungsplätze unbesetzt
  • Großbetriebe: nur 12 % unbesetzt
  • Berlin: Bewerberüberhang (22,9 % unversorgte Bewerber)
  • Ländliche Regionen: Platzmangel trotz hoher Zahl freier Stellen

Betroffene Branchen und Berufsfelder

  • Baugewerbe: 44 % unbesetzt
  • Gastronomie/Hotellerie: ca. 38 %
  • Weitere Engpassberufe: Friseure, Fleischer, Kältetechniker, Zimmerer
  • Besonders kritisch: Betonbauer (44,4 %), Klempner (43 %), Fleischer (40,7 %)

Warum bleiben die Ausbildungsplätze unbesetzt?

Passungsprobleme bei Bewerbungen

Den Betrieben fehlen qualifizierte Bewerber – über die Hälfte nennt mangelnde Bewerbungsqualität oder -quantität als Hauptgrund für Nichtbesetzungen. Zudem springen Bewerber im Bewerbungsprozess überraschend ab.

Schlechtes Image & Arbeitsbedingungen

Viele Ausbildungsberufe – v. a. im Handwerk oder der Gastronomie – leiden unter einem schlechten Image: niedrige Vergütung, harte Arbeitsbedingungen, geringe Aufstiegschancen. 62 % der Betriebe bieten inzwischen Prämien, Sonderzahlungen oder Weihnachtsgeld an.

Bildungsdefizite bei Bewerber:innen

„Fehlende Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen erschweren nicht nur den Einstieg, sondern gefährden auch den erfolgreichen Abschluss.“
– Dirk Palige, ZDH

Insbesondere Hauptschulabsolventen sowie Jugendliche ohne Abschluss bleiben häufig unversorgt, da ihre Ausbildungsreife nicht genügt.

Demografie, Akademisierung & fehlende Berufsorientierung

Der Rückgang der Schulabgängerzahlen sowie der Trend zur Hochschulreife verringern den Pool für die duale Ausbildung. Vor allem Gymnasien leisten oft keine ausreichende Berufsorientierung. Der Akademisierungstrend verschärft die Schieflage zusätzlich.

Politische und gesellschaftliche Reaktionen

Der Berufsbildungsbericht 2025 warnt: Die Ausbildungsgarantie greift nicht wie geplant. Trotz steigender Nachfrage blieb die Zahl unversorgter Jugendlicher hoch. Der Internationale Bund fordert ein neues Aus- und Weiterbildungsgesetz.

Verbände wie ZDH und ZDB zeigen sich vorsichtig optimistisch. Es gibt Anzeichen für eine Stabilisierung – u. a. durch geschlossene Ausbildungsverträge bis Juni 2025 und leichte Verbesserungen im Bewerbermarkt.

Zusätzlich wird eine stärkere Öffnung für ausländische Bewerber:innen gefordert. Sie gelten als wichtige Ressource in Engpassberufen, stoßen jedoch auf bürokratische Hürden und Anerkennungsprobleme.

Weitere Kommentare

Dirk Palige (ZDH – Zentralverband des Deutschen Handwerks)

„In vielen Betrieben bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt, weil es schlichtweg keine passenden Bewerbungen gibt – oder Bewerber mitten im Prozess wieder abspringen.“

„Es ist paradox: Wir haben zu viele Jugendliche ohne Ausbildungsplatz und gleichzeitig viele unbesetzte Stellen. Das ist ein massives Passungsproblem.“

Andrea Nahles (Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit)

„Der Ausbildungsmarkt steht unter Druck. Wir müssen noch mehr junge Menschen für eine Ausbildung begeistern – auch durch eine bessere Berufsorientierung in den Schulen.“

„Berufe mit körperlicher Arbeit, Wochenenddiensten oder schlechter Bezahlung haben es besonders schwer. Das spüren wir vor allem im Handwerk und in der Pflege.“

Jörg Dittrich (Präsident des ZDH)

„Das Handwerk braucht den Nachwuchs, sonst stehen in ein paar Jahren reihenweise Betriebe leer – und wichtige Dienstleistungen fehlen dann in der Fläche.“

„Wir müssen jungen Menschen besser erklären, was für Chancen in einer Ausbildung stecken. Handwerk ist modern, innovativ und zukunftsfest – das kommt oft zu kurz.“

Holger Schwannecke (ehem. Generalsekretär ZDH)

„Der Fachkräftemangel ist keine Zukunftsfrage mehr – er ist Gegenwart. Wenn wir heute nicht handeln, fehlen uns morgen Millionen beruflich qualifizierte Menschen.“

Hubertus Heil (Bundesarbeitsminister, SPD)

„Wir brauchen eine Ausbildungsgarantie, die ihren Namen auch verdient – mit flächendeckender Unterstützung, auch für benachteiligte Jugendliche.“

„Ein Ausbildungsplatz darf nicht vom Wohnort oder der Herkunft abhängen. Berufsausbildung muss ein realistisches Versprechen für alle Jugendlichen sein.“

Berufsbildungsbericht 2025 (Bundesbildungsministerium)

„Trotz der verbesserten wirtschaftlichen Lage und gezielter Maßnahmen bleibt die Passung von Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt ein zentrales Problem.“

Christian Rauch (Regionaldirektion Bayern, Bundesagentur für Arbeit)

„Wir sehen, dass gerade in ländlichen Regionen viele Betriebe gar keine Bewerbungen mehr erhalten – das ist dramatisch.“

Natürlich! Hier ist eine saubere HTML-Tabelle nach dem Vorbild der im verlinkten Artikel dargestellten Daten („Im Baugewerbe blieben 2024 die meisten Ausbildungsplätze unbesetzt“). Die Daten sind aus dem verlinkten **RND-Artikel** übernommen (basierend auf dem IAB-Betriebspanel 2024):

Unbesetzte Ausbildungsplätze nach Branche (2024)

Branche Anteil unbesetzter Ausbildungsstellen (in %)
Baugewerbe 44,1 %
Gastgewerbe 38,2 %
Verkehr und Lagerei 36,9 %
Handel 35,5 %
Gesundheits- und Sozialwesen 31,4 %
Verarbeitendes Gewerbe 30,2 %
Öffentliche Verwaltung 26,0 %
Information und Kommunikation 22,7 %
Finanz- und Versicherungswesen 21,0 %

Ein Strukturproblem mit vielen Stellschrauben

Der Widerspruch zwischen offenen Ausbildungsstellen und fehlenden Bewerbern ist kein Paradoxon, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden Strukturproblems: fehlende Bildungsgrundlagen, einseitige Karriereorientierung, demografischer Wandel, Imageprobleme und ungleiche regionale Verteilungen wirken zusammen.

Die Lösung kann daher nur mehrdimensional sein: bessere Berufsorientierung an Schulen, Förderung von Grundkompetenzen, Verbesserung der Ausbildungsbedingungen, gezielte Förderung ausländischer Fachkräfte – und ein gesellschaftliches Umdenken, das auch nicht-akademische Bildungswege wertschätzt.

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